Phänomenologie als Geschichte
nach Georg Lukács

Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft. Berlin, Weimar 1986
Kapitel: Skizze des Aufbaus der "Phänomenologie des Geistes"

Geist = menschliche Gattung (Lukács 1986: 537, Fn 1)
         geistiges Wesen = "ein Wesen, dessen Sein das Tun des einzelnen Individuums
         und aller Individuen..." ist (HW 3: 310)

Gestalten des Geistes haben Geschichte: "Der ganze Geist nur ist in der Zeit, und die Gestalten, welche Gestalten des ganzen Geistes als solchen sind, stellen sich in einer Aufeinanderfolge dar; denn nur das Ganze hat ei-gentliche Wirklichkeit und daher die Form der reinen Freiheit gegen Anderes, die sich als Zeit ausdrückt. Aber die Momente desselben, Bewußtsein, Selbstbewußtsein, Vernunft und Geist, haben, weil sie Momente sind, kein voneinander verschiedenes Dasein." (Hegel Phän.: 498) Friedrich Engels:
... dass man die Phänomenologie des Geistes "eine Parallele der Embryologie und der Paläontologie des Geistes nennen könnte, eine Entwicklung des individuellen Bewußtseins durch seine verschiedenen Stufen, gefaßt als abgekürzte Reproduktion der Stufen, die das Bewußtsein der Menschen geschichtlich durchmacht." (in "Feuerbach...")
Marx (ÖPM): "Das Große an der Hegelschen Phänomenologie... ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und Aufhebung der Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift. Das wirkliche, tätige Verhalten des Menschen zu sich als Gattungswesen, d.h. als menschlichen Wesens, ist nur möglich dadurch, daß er wirklich alle seine Gattungskräfte - was wieder nur durch das Gesamtwirken der Menschen möglich ist, nur als Resultat der Geschichte - herausschafft, sich zu ihnen als Gegenständen verhält, was zunächst wieder nur in der Form der Entfremdung möglich ist." Hegel selbst dazu: "Die Aufgabe, das Individuum von seinem ungebildeten Standpunkte aus zum Wissen zu führen, war in ihrem allgemeinen Sinn zu fassen und das allgemeine Individuum, der selbstbewußte Geist, in seiner Bildung zu betrachten. - Was das Verhältnis beider betrifft, so zeigt sich in dem allgemeinen Individuum jedes Moment, wie es die konkrete Form und eigene Gestaltung gewinnt. Das besondere Individuum ist der unvollständige Geist, eine konkrete Gestalt, in deren ganzem Dasein eine Bestimmtheit herrschend ist und worin die anderen nur in verwischten Zügen vorhanden sind. In dem Geiste, der höher steht als ein anderer, ist das niedrigere konkrete Dasein zu einem unscheinbaren Momente herabgesunken; was vorher die Sache selbst war, ist nur noch eine Spur; ihre Gestalt ist eingehüllt und eine einfache Schattierung geworden. Diese Vergangenheit durchläuft das Individuum, dessen Substanz der höherstehende Geist ist, in der Weise, wie der, welcher eine höhere Wissenschaft vornimmt, die Vorbereitungskenntnisse, die er längst innehat, um sich ihren Inhalt gegenwärtig zu machen, durchgeht; er ruft die Erinnerung derselben zurück, ohne darin sein Interesse und Verweilen zu haben. Der Einzelne muß auch dem Inhalte nach die Bildungsstufen des allgemeinen Geistes durchlaufen, aber als vom Geiste schon abgelegte Gestalten, als Stufen eines Wegs, der ausgearbeitet und geebnet ist; so sehen wir in Ansehung der Kenntnisse das, was in früheren Zeitaltern den reifen Geist der Männer beschäftigte, zu Kenntnissen, Übungen und selbst Spielen des Knabenalters herabgesunken und werden in dem pädagogischen Fortschreiten die wie im Schattenrisse nachgezeichnete Geschichte der Bildung der Welt erkennen." (HW 3: 30-31) Diese Geschichte wird dreimal durchlaufen: Lukács (537ff.):

1. Ausgangspunkt: das natürliche und gewöhnliche Individuum (subjektiver Geist) - "Gestalten des Bewußtseins"

  • Gesellschaft ist für dieses Individuum unmittelbar ein von ihm unabhängiges, fertig Gegebenes;
  • erster Durchlauf als Reihenfolge von verschiedenen menschlichen Schicksalen (noch nicht als erkannte Geschichte)
  • wirkliche Geschichte spielt sich hinter dem Rücken des (individuellen) Bewußtseins ab und dieses erlebt die Kollisionen mit der Außenwelt als abstrakte Widersprüche von Objektivität und Subjektivität (580)
  • Ziel: Individuum erkennt die Gesellschaft als etwas vom Menschen Gemachtes
2. Gattungserfahrung: (objektiver Geist): "Gestalt einer Welt"
  • wirkliche Geschichte als Prozess der Tätigkeit, der Praxis der Menschen selber
  • nochmaliger Durchlauf des Prozesses der Gattungsentwicklung
  • Inhalt: wirkliche Geschichte in ihrer konkreten gesellschaftlichen Totalität.
3. Rückblick von der Ebene der absoluten Erkenntnis aus (absoluter Geist)
  • neue Perspektive: nicht wirkliche Geschichte, sondern Rückschau vom Erreichten her : nachträgliche Erkenntnis der Gesetze einer bereits abgeschlossenen Geschichte (581) ("Er-Innerung" des noch veräußerten Geistes)
  • ->nichts Neues mehr
  • Sammeln der Momente der absoluten Wahrheit, durch die der Geist zu der adäquaten Erkenntnis seiner selbst gekommen ist - also das wird erkannt (erkennt sich als absoluter Geist selbst), was im geschichtlichen Prozess den zeitgenössischen Beteiligten nicht bekannt war (581)
  • Neuordnung des schon Bekannten zwecks Ergründung seiner inneren Gesetzmäßigkeiten (582)
    nicht überhistorisch, sondern: historisch-systematisch: "Das heißt, daß die Gesetzmäßigkeiten, die gewonnen werden sollen, Bewegungsgesetze des historischen Ablaufs selbst sind , deren konkrete Wesensart in diesem Prozeß, in seiner historischen Entwicklung, in seinem historischen Nacheinander zum Ausdruck kommt." (Lukács 1986: 583)
  • Ziel: adäquate Erkenntnis der Bewegungsgesetze der Dialektik, Erkenntnis der Dialektik der Wirklichkeit; Zusammenfassung der Anstrengungen der Menschheit, die Wirklichkeit adäquat zu begreifen (Kunst, Religion, Philosophie)
    "Die Rekapitulation des historischen Entwicklungsganges der Menschheit ist also zugleich der Kampf des Bewußtseins um seine höchste Entwicklungsstufe, um die Fähigkeit zum adäquaten Begreifen der Welt in der Wissenschaft der Philosophie." (Lukács 1986: 583)
  • Dialektik in 1. und 2. objektiv, in 3. als Erkenntnis (aber nicht abstrakt)

A) Individuum: Subjektiver Geist: Kap. I-V: Bewußtsein, Selbstbewußtsein, Vernunft

  • Darstellung des individuellen Bewußtseins in seiner Entwicklung von der untersten Stufe des bloß unmittelbaren Wahrnehmens der Welt bis zu den höchsten Kategorien der Vernunft, wie sie in diesem individuellen Bewußtsein erscheinen (Lukács 1986: 540)
  • = Entwicklung der menschlichen Gattungserfahrung im Spiegel des individuellen Bewußtseins (ebd.: 543-544)
  • das individuelle Bewußtsein steht einer unerkannten Wirklichkeit gegenüber, die als fertig und fremd erscheint, weil die Bestimmungen und Vermittlungen, durch die hindurch sowohl die objektive Wirklichkeit der Gesellschaft wie durch Tätigkeit und Rolle des Individuums in ihr wirklich entstehen und das werden, was sie an sich sind...
  • Entwicklung von der unmittelbaren Beziehung des Bewußtseins zu einer völlig fremden Gegenstandswelt bis zur dämmernden Einsicht dessen, daß die gesellschaftliche Gegenständlichkeit in der "Entäußerung" ihre objektive Grundlage hat. (Lukács 1986: 557)
  • Das Individuum wird in dieser Entwicklung von der Substanz zum Subjekt: es entreißt der Substanz seine Inhalte und wandelt diese in die eigenen um (wahrer Kern: der Reichtum und die Entwicklung des Bewußtseins hängen davon ab, wie weit dieses Bewußtsein die objektive Wirklichkeit zu widerspiegeln imstande ist)
  • Unterschied der Phänomenologie zur Logik:
    • Logik: einzelne Momente werden entwickelt und aus der Gesamtheit ihrer Entwicklung entsteht die konkrete Totalität des Systems
    • Phänomenologie: das Bewußtsein steht der gesamten Wirklichkeit gegenüber, die erst unbegriffen, abstrakt erscheint
  • Im Verlaufe der Entwicklung werden Wirklichkeit und Bewußtsein konkreter: "Zuerst gehören dem Selbstbewußtsein daher von der Substanz nur die abstrakten Momente an; aber indem diese als die reinen Bewegungen sich selbst weitertreiben, bereichert es sich, bis es die ganze Substanz dem Bewußtsein entrissen, den ganzen Bau ihrer Wesenheiten in sich gesogen und - indem dieses negative Verhalten zur Gegenständlichkeit ebensosehr positiv, Setzen ist - sie aus sich erzeugt und damit für das Bewußtsein zugleich wiederhergestellt hat. In dem Begriffe, der sich als Begriff weiß, treten hiermit die Momente früher auf als das erfüllte Ganze, dessen Werden die Bewegung jener Momente ist. In dem Bewußtsein dagegen ist das Ganze, aber unbegriffene, früher als die Momente." (HW 3: 584)
  • Entwicklung des Bewußtseins vollzieht nur nach, was "an und für sich" schon da ist... (541)
  • ->Tendenz: Entstehung des Bewußtseins der Individuen über den gesellschaftlichen Charakter ihrer Tätigkeit und ihres Bewußtseins über die Gesellschaft als Gesamtprodukt ihrer Tätigkeit (542)
  • der Unterschied: für das noch nicht seiner selbst bewußte Individuum - und "für uns", d.h. den Leser; d.h. doppelte Weise der Darstellung
  • Unterscheidung (Dualismus): unmittelbare Entwicklung im (subjektiven) Bewußtsein - objektive Kategorien der Wirklichkeit als stummer, feindlicher, noch nicht begriffener Hintergrund
  • ->ständiges Hin- und Hergleiten zwischen diesen beiden Ebenen ->
  • Problem der Verständlichkeit dieses Teils der "Phänomenologie"
  • bedeutsam: besondere Rolle des individuellen Bewußtseins: seine aktive Rolle ist notwendig, auch wenn es selbst fälschlicherweise noch denkt, von sich aus die Wirklichkeit aufbauen zu können (das negiert sich dann im weiteren Verlauf der Entwicklung). Individuelles Bewußtsein ist aber wirkliches wesentliches Moment der Gesamtbewegung (544)
  • d.h. Festhalten an Objektivität des Ansich (des Gesellschaftlichen) , aber auch Betonung der aktiven Rolle des Individuums. (544)
  • Ergebnis: Das individuelle Bewußtsein bewegt sich in einer durch die menschliche Tätigkeit selbst "entäußerten" Wirklichkeit, ist aber noch nicht zur Erkenntnis gekommen, daß die Objektivität dieser Wirklichkeit das Produkt der von ihm selbst geschaffenen "Entäußerung" ist. (544)
  • Dabei entstehen auf dem Weg von Bewußtsein über Selbstbewußtsein zur Vernunft immer schwerere und tragischere Konflikte mit der "entäußerten" Wirklichkeit... (545) -> Ausweg: den bisher nur ansichseienden Geist (die Gesellschaft und ihre Gesetzmäßigkeiten) als fürsichseienden erkennen -> Krisen des individuellen Bewußtseins
    1. "unglückliches Bewußtsein": Folge der Loslösung des Individuums aus den naturhaften Banden einer primitiven Gesellschaft; zeigt sich bei antiken Philosophen, aber noch deutlicher im Christentum
    2. Entstehungszeit der modernen bürgerlichen Gesellschaft: Konfliktlösungsversuche über Widerspruch zwischen Lust und Notwendigkeit, Gesetz des Herzens, Tugend; Weltlauf = unmittelbar rein individuelle philosophische Trauerspiele (548), deren Zusammenhang mit der Objektivität der Gesellschaft nur dem außen stehenden Beobachter klar werden
  • "dialektisches Einpauken" durch diese Tragödien hindurch (549)
Übergang zum Objektiven Geist:
  • Überwindung der bloßen Subjektivität des individuellen Bewußtseins durch die ökonomische Tätigkeit (549)
  • dabei wird die Unmittelbarkeit der subjektiven Tätigkeit und damit des individuellen Bewußtseins immer mehr aufgehoben (551)
  • individuelles Bewußtsein soll Einheit des Individuellen und Gesellschaftlichen erkennen; "Diese Einheit ist an sich in der eigenen ökonomischen Praxis des Menschen, in dem, was er täglich macht, enthalten. Es kommt nur darauf an, daß die objektiven Bestimungen dieser seiner eigenen alltäglichen Tätigkeit ihm klar und deutlich ins Bewußtsein treten." (Lukács 1986: 550) ->

    "Die Arbeit des Individuums für seine Bedürfnisse ist ebensosehr eine Befriedigung der Bedürfnisse der anderen als seiner eigenen, und die Befriedigung der seinigen erreicht es nur durch die Arbeit der anderen. - Wie der Einzelne in seiner einzelnen Arbeit schon eine allgemeine Arbeit bewußtlos vollbringt, so vollbringt er auch wieder die allgemeine als seinen bewußten Gegenstand; das Ganze wird als Ganzes sein Werk, für das er sich aufopfert und eben dadurch sich selbst von ihm zurückerhält." (HW 3: 265)

  • ökonomisch steht Hegel auf einer Ebene mit der Smithschen, d.h. der bürgerlichen Ökonomie,
    • die grundlegende "Gestalt des Bewußtseins" ist hier der "Eigennutz" (als neuem Wesenszug der modernen gegenüber der antiken Gesellschaft)
    • d.h. die Menschen denken, sie seien nur eigennützig, aber sie leisten unvermeidlich gleichzeitig gesellschaftlich nützliche Arbeit
  • Gesellschaftlichkeit ökonomisch begründet: "Das Ganze ist die sich bewegende Durchdringung der Individualität und des Allgemeinen; weil aber dies Ganze für dies Bewußtsein nur als das einfache Wesen und damit als die Abstraktion der Sache selbst vorhanden ist, fallen seine Momente als getrennte außer ihr und auseinander; und als Ganzes wird es nur durch die trennende Abwechslung des Ausstellens und des Fürsichbehaltens erschöpft und dargestellt." (HW 3: 308) = kapitalistisches Warenverhältnis (Lukács 1986: 552)
    • Sache selbst: zwei Seiten einer Ware: natürliche Gegenständlichkeit als Ding (Produkt und Zweck der Tätigkeit)+ gesellschaftliche Gegenständlichkeit als Ware (bloßes Mittel, seine Bedürfnisse zu befriedigen), die zusammenfallen (552)
    • Dialektik der kapitalistischen Gesellschaft: " Es ist ihm [dem Menschen] nicht um die Sache als diese seine einzelne zu tun, sondern um sie als Sache, als Allgemeines, das für alle ist. Es mischt sich also in ihr Tun und Werk, und wenn es ihnen dasselbe nicht mehr aus der Hand nehmen kann, interessiert es sich wenigstens dadurch dabei, daß es sich durch Urteilen zu tun macht; drückt es ihm den Stempel seiner Billigung und seines Lobes auf, so ist dies so gemeint, daß es am Werke nicht nur das Werk selbst lobt, sondern zugleich seine eigene Großmut und Mäßigung, das Werk nicht als Werk und auch nicht durch seinen Tadel verdorben zu haben. Indem es ein Interesse am Werke zeigt, genießt es sich selbst darin; ebenso ist ihm das Werk, das von ihm getadelt wird, willkommen für eben diesen Genuß seines eigenen Tuns, der ihm dadurch verschafft wird. Die aber sich durch diese Einmischung für betrogen halten oder ausgeben, wollten vielmehr selbst auf gleiche Weise betrügen. Sie geben ihr Tun und Treiben für etwas aus, das nur für sie selbst ist, worin sie nur sich und ihr eigenes Wesen bezweckten. Allein indem sie etwas tun und hiermit sich darstellen und dem Tage zeigen, widersprechen sie unmittelbar durch die Tat ihrem Vorgeben, den Tag selbst, das allgemeine Bewußtsein und die Teilnahme aller ausschließen zu wollen; die Verwirklichung ist vielmehr eine Ausstellung des Seinigen in das allgemeine Element, wodurch es zur Sache aller wird und werden soll." (HW 3: 308)
  • "Entäußerung" in der Arbeit
    • Hingabe der menschlichen Tätigkeit an die Sache selbst, durch die Verkörperung und Entäußerung der Arbeit in der Sache (Lukács 1986: 552)
    • nimmt kapitalistisch-fetischisierte Form an (ebd.: 553)
    • später: Zusammenhang von äußerster Entäußerung und höchster Progressivität (siehe nächste Seite)..., dann aber Rücknahme der Entäußerung durch Aufhebung der Gegenständlichkeit (vgl. 587f.) : Dialektik: "Auflösung aller festen Gegenständlichkeit in dialektische Prozesse" (588) (A.S.: vgl. Holloway: gegen Verfestigung des Flusses des Tuns in festes Getanes (=Kapital))

B) Gesellschaft: Objektiver Geist: Kap. VI: Geist

  • Objektiver Geist: Geschichte der menschlichen Gattung in ihrer Wirklichkeit (ebd.: 555)
    • bisher nur als schattenhafter Hintergrund der Bewußtseinsentwicklung wird nun zu einem geordneten und vernünftigen Zusammenhang
    • Konzentrierung des geschichtlichen Ablaufs auf die Entstehungsgeschichte der modernen bürgerlichen Gesellschaft (ebd.: 562)
    • wird hier immer im Zusammenhang mit der Entwicklung des Subjekts betrachtet (ebd.: 555):
  • "Das Subjekt muß sich immer stärker entäußern, entfremden, indem es in immer reichere gesellschaftliche Verbindungen eingeht, indem es durch seine Arbeit, durch sein individuelles, eigennütziges (Tun und Treiben" sich zum identischen Subjekt-Objekt dieser gesellschaftlichen Verhältnisse macht und allmählich im Laufe dieser Entwicklung, im Laufe der objektiven Entfaltung des Reichtums der gesellschaftlichen Bestimmungen, der Geschlossenheit und Eigengesetzlichkeit des modernen ökonomischen Systems auf dem Gipfelpunkt seiner Entäußerung sich als dieses identische Subjekt-Objekt der gesellschaftlichen Praxis erkennt." (Lukács 1986: 561)
    1. Wahrer Geist, Sittlichkeit: antike Gesellschaft und ihre Auflösung (HW 3: 327 ff.): Harmonie zwischen Mensch und Gesellschaft, in der die menschliche Persönlichkeit erst an sich, in nicht entäußerter Form "Jede Entwicklung der Persönlichkeit [...] muß auf diese Gesellschaft auflösend, zersetzend wirken." (Lukács 1986: 559)
    2. sich entfremdender Geist, Bildung: Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft (ebd.: 359 f.): Auflösung der unmittelbaren Sittlichkeit durch das abstrakte Rechtssystem, das der Persönlichkeit zu ihrem Recht verhilft (formale Gleichheit); konzentriert sich hier auf die Erfahrungen in Frankreich (Kampf Aufklärung gegen Religion... Luk.: 564 ff.)
    3. sich seiner selbst gewisser Geist, Moralität: Utopie Hegels über ein Deutschland unter der Herrschaft Napoleons als Lösung der Weltkrise (ebd.: 441 ff.)
  • = Weg von der Unmittelbarkeit bis zur äußersten Entäußerung, diesmal als objektiver Prozess (558)
  • phänomenologische Beziehung der Warenbeziehung (571)
    • "Entäußerung" in ihrer Objektivität: "das Denken ist Dingheit, oder Dingheit ist Denken" (HW 3: 426)
    • Wesen der kapitalistischen Gesellschaft: höchste Abstraktion in der höchsten Entfremdung (570)
    • "Stellung der Menschen zueinander im Kapitalismus als die höchst entäußerte und darum progressivste, dem Geiste adäquateste Form der Menschheitsentwicklung" (571)
    • = Umsetzung der Begriffe der kapitalistischen Ökonomie in die Sprache der Dialektik (ebd.)
  • Franz. Rev.: "Aus Kapitalismus und Aufklärung mußte nach ihm die höchste Form der "Entäußerung", die "absolute Freiheit" entstehen und ihren Triumphzug in der Welt beginnen. (573) -> "Versöhnung mit der bürgerlichen Gesellschaft" (ebd.), so wie sie daraus entsteht
  • ->absolute Freiheit: "vollkommende Durchdringung des Selbstbewußtseins und der Substanz" (zit. in Luk.: 574)
  • hofft, dieser Geist zieht weiter nach Deutschland -> "moralischer Geist" (HW 3: 441 ff.)
    • "napoleonische Deutschlandutopie Hegels" (Lukács: 576)
    • inhaltslos im Vergleich zu den früheren Kapiteln (ebd.)
    • hier wieder nur Kritik an Kant, Fichte, Jacobi
    • müsste nun Übereinstimmung zwischen individueller Moral und allgemeiner Sittlichkeit ...an der Sittlichkeit eines Gesellschaftszustands aufzeigen, der in der Wirklichkeit noch nicht vorhanden war (ebd.) = bedeutet: "Rücknahme der Entäußerung in das Subjekt" = Aufhebung der Gegenständlichkeit (Kritik dazu von Lukács ab S. 611)
    • "Es ist... für die denkerische Ehrlichkeit Hegels charakteristisch, daß er diese noch leere Stelle in seiner Wirklichkeit auch gedanklich lieber leer läßt, als reine Träumereien in der Form von Wirklichkeiten darzustellen." (577)
      "Er hat den Kapitalismus als die bisher höchste "Gestalt" des historischen Prozesses begriffen; für das Weitergehen hatte er aber nur leere, idealistische Konstruktionen zur Verfügung." (608)
    • "Versöhnung" hat hier noch rein utopischen Gehalt (ebd.: 577), erst in späteren Geschichtsphilosophien (der 20er/30er Jahre) bezogen auf wirkliche gesellschaftliche Lage

Übergang zum Absoluten Geist:

  • Hegel hofft: "Die theoretische Arbeit, überzeuge ich mich täglich mehr, bringt mehr zustande in der Welt als die praktische; ist das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus." (Brief an Niethammer v. 28.10.1808, zit. in Luk.: 578) (erst in Berlin entsteht eher pessimistisches Bild von der "Eule der Minerva")
  • Lukács: "... die gesellschaftliche Zurückgebliebenheit, die politische Inhaltslosigkeit und Nullidät des deutschen Lebens dieser Zeit war wirklich die historische Grundlage für die Geburt des "absoluten Geistes", beziehungsweise für dessen Vorbild im Leben selbst, für die klassische deutsche Dichtung und Philosophie." (580)

C) Wissen: Absoluter Geist: Kap. VII-VIII: Religion, absolutes Wissen

Zusammenhang Objektivität - Historie (vgl. auch Geltung-Genese)

  • "Die Erscheinungen der Menschheitsentwicklung gehören bei Hegel der Sphäre des "absoluten Geistes" gerade kraft ihres objektiven Wahrheitsgehaltes an. Die historischen Gebilde des objektiven Geistes entstehen und vergehen mit dem Entstehen und Vergehen jener historischen Bedingungen, die ihre Existenz bestimmen. Aber dieser Prozeß produziert ununterbrochen die Bewältigung der bisher undurchschauten objektiven Wirklichkeit durch den Menschen.
    Und die Ergebnisse dieses Prozesses gehen nicht nur in die historische Kontinuität der Entwicklung ein, sondern, soweit sie wirkliche Stufen zur adäquaten Erfassung der Wirklichkeit durch die Menschen sind, bewahren sie eine Existenz über die Zeitbedingungen ihres Entstehens hinaus und jenseits des historischen Augenblicks, der sie notwendig hervorgebracht hat. Durch diese Seite ihres Daseins bilden sie Momente des "absoluten Geistes". (Lukács 1986: 584-585)
  • "Marx, Engels, Lenin und Stalin haben nie gemeint, daß der sachliche Inhalt, die objektive Wahrheit einer wissenschaftlichen Theorie durch die Aufdeckung ihrer "sozialen Genesis" gelöst wäre [1]. Wenn wir mit der größten Ausführlichkeit und mit einer wirklichen Feinheit alle gesellschaftlichen Gründe aufdecken würden, aus denen gerade im 15.-16 Jahrhundert die Umwälzung der Astronomie durch Kopernikus, Galilei und Kepler stattgefunden hat, so würde diese Analyse noch immer keine Antwort auf die Frage nach dem Wahrheitswert der neuen Astronomie geben, so würde sie noch immer nicht die Frage beantworten, ob und wieweit diese Theorien die objektive Wirklichkeit der Natur richtig widerspiegeln." (Lukács 1986: 583-584)
  • aktuelle historische Wirksamkeit (Genese) - gehört in "objektiven Geist" / Wahrheitsgehalt einer Theorie (Geltung) - gehört in "absoluten Geist"
  • -> Trennung (und Entgegensetzung) und zugleich Verbindung (Einheit) des objektiven und absoluten Geistes -> dialektische Darstellung der Entwicklung, keine starre Entgegensetzung von Geschichte und Wahrheit oder Geschichte als geradlinig aufsteigendem Prozess (Lukács 1986: 585)

Etappen: Kunst, Religion, Philosophie

  • entspricht Prozess der Aufhebung der Gegenständlichkeit (Lukács 1986: 588)
    • ->Kritik an Religion: hier ist in der Vorstellung noch zu viel Gegenständlichkeit, d.h. ist bloß Kritik ihrer Erscheinungsform, ihres Vorstellungscharakters, nicht des Inhalts (594)
  • gegenüber der "Entäußerung" rückläufiger Prozess der "Er-Innerung" (ebd.: 589)
    • "Da diese rückläufige Bewegung, diese Aufhebung der "Entäußerung" als Aufhebung der Gegenständlichkeit überhaupt nicht eine von Hegel entdeckte innere Bewegung der Gegenstände selbst ist, sondern eine von ihm erfundene Bewegung zur Vollendung seiner Philosophie, zur Lösung der spezifisch idealistischen, daher unlösbaren Schwierigkeiten seiner Dialektik..." (Lukács 1986: 590).
  • Problem: am Ende des objektiven Geistes fehlt dritter höherer Standpunkt (tertium datur), "Dilemma, das Marx für das bürgerliche Denken als unlösbar bezeichnet hat" (596) immanente Auswege:
    1. romantischer Skepizismus (Sismondi): bloßes Aufzeigen der Widersprüchlichkeit
    2. Bentham: reale Erfüllung der Dialektik als "Himmel auf Erden" bzgl. der Nützlichkeit
    3. spezifisch Hegelsche Form der Dialektik: aufzuhebende Unmittelbarkeit - Entäußerung - Zurücknahme der Entäußerung in das Subjekt (Lukács 1986: 596)
  • Objektivität der Gegenstände war Produkt einer vorläufigen Entzweiung des identischen Subjekts-Objekts (610) ->Wahrheit: Aufzeigen der Identität von Objekt und Subjekt, das Sich-selbst-Erreichen des identischen Subjekt-Objekts

Fußnote:
[1] Das wäre die "vulgärsoziologische Betrachtung" (Lukács 1986: 583)

 

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Zur Rolle von Ökomomie und Arbeit bei Hegel
(auch nach Lukács)

 

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