Utopien nach den Bomben auf Jugoslawien?
Philosophische Dialektik im Spannungsfeld zwischen
militantem Pessimismus und militantem Optimismus
- Vortrag auf dem Kolloquium
Evolution in Natur und Gesellschaft - Gemeinsamkeiten und Gegensätze -

Dresden, 14.April 1999 (+ Ergänzungen vom 27.4.)

- auch als rtf-Datei zum downloaden (selbstentpackende .exe mit 180 kB, ohne Ergänzungen) -

1. Trauer und Nachdenken

Eigentlich müßte ich jetzt vor der Kirche in Jena Flugblätter gegen den Krieg in Jugoslawien verteilen und statt Hegel und Bloch zu lesen, hätte ich in der letzten Woche das Internet nach Vorschlägen zur Überwindung des Kriegs durchsuchen sollen. In mir überwiegt angesichts der täglichen Kriegsmeldungen Trauer über die zerstörten Leben, erarbeiteten Werte und die Zukunftschancen. Vielleicht könnte man sich mit trotzigen Kampflosungen eine bessere Stimmung verschaffen. Nur wenige der Anti-Kriegsaktionen sind von dem Bemühen getragen, kreativ neue, gewaltfreie friedenschaffende und -erhaltende Wege aufzuzeigen. Wir sind damit beschäftigt, die Vermutung zu verdrängen, daß diese Bomben den Anfang der in SF-Filmen so oft gezeigten "Endzeit" der Menschheit darstellen. Der Wahrscheinlichkeitsgrad dieser Art Zukunft ist sehr angestiegen, dies muß man einfach erst einmal zur Kenntnis nehmen. Viele meiner Anstrengungen, Wege zu einer neuen Gesellschaftsordnung zu durchdenken, sind durch die aktuellen Geschehnisse in Frage gestellt. Was nützt es, über emanzipatorische, ökologische Zukunftsvarianten nachzudenken, wenn die Menschen, mit denen ich die Wege dahin gehen wollte, jetzt ziemlich schnell für den Bombeneinsatz plädieren? Der Pessimismus muß vielleicht erst einmal so tief - "militant" nannte ihn Ernst Bloch - sein, damit er dann wiederum umschlagen kann in den unbedingten Willen, etwas dagegen zu unternehmen, ihm einen "militanten Optimismus" entgegenzustellen.

Wir erkennen hier bereits ein dialektisches Denkmuster, das "Umschlagen" - ich habe auch bei anderen Fragen mehrmals bemerkt daß mir ein Hintergrundwissen über typische Entwicklungsprinzipien zur Orientierung und zur Ableitung von Handlungshinweisen doch hilft.

Wissen bezieht seine Inhalte aus verschiedenen Denkformen. Konkretes Wissen über Entwicklungsprozesse in Natur und Gesellschaft wird einerseits verallgemeinert u.a. in den Konzepten der Kybernetik, Selbstorganisation und der Chaostheorie. Andererseits arbeiten auch philosophische Konzepte, wie die Dialektik, einheitliche Muster in Prozessen heraus. Allerdings müssen wir aber auch genau differenzieren und dürfen nicht alle Aspekte in einem "Einheitsbrei" verrühren, wie es moderne esoterisch-spirituelle Weltbilder zur Zeit mit großem Erfolg propagieren.

Wir müssen dabei Kürzschlüsse zwischen den verschiedenen Einzelwissenschaften vermeiden. Solche Kurzschlüsse sind z.B. bekannt aus der Übertragung gesellschaftlicher Muster auf die Biologie, die dann meist wieder rückübertragen werden auf die Gesellschaftstheorie, wie beim Sozialdarwinismus. Auch die Rückführung von Erkenntnissen aus der abstrakte Verallgemeinerung und Vereinheitlichung (z.B. über Selbstorganisationskonzepte) birgt in sich das Risiko von kurzschlüssigem "Sozial-Prigoginismus" (vgl. Abbildung 1).

Schließlich sind alle theoretischen Konzepte und Modelle Bestandteile der praktischen Lebensprozesse der Menschen und von ihnen geprägt sowie auf sie zurückwirkend (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 1: Beziehungen unterschiedlicher theoretischer Konzepte

 

Abbildung 2: Theorie-Praxis

Meiner Erfahrung nach gewinnt die Philosophie, wenn sie nicht lediglich naturtheoretische Inhalte aufgreift. Gesellschaftswissenschaftliche, durch konkrete gesellschaftliche Bedürfnisse gespeiste Fragestellungen betreffen die komplexesten Materiestrukturen und -prozesse. Aus ihnen sind deshalb die spannendsten Impulse für eine Entwicklung der Philosophie zu erwarten.

 

2. Entwicklungsprinzipien in Natur und Gesellschaft

Ich hatte in meinem ersten Buch die kosmische und biotische Evolution unter dem Gesichtspunkt der Ableitung allgemeiner Evolutionsprinzipien untersucht. Aus den neuen Erkenntnissen über sich selbst organisierende Prozesse können entwicklungstheoretische Zusammenhänge präziser beleuchtet werden. Besondere Ergänzungen bzw. Vertiefungen stellen folgende Aspekte dar:

  • Systemare Einheiten reproduzieren sich und ihre Elemente und verändern gleichzeitig ihre äußeren Bedingungen.
  • Das "Aufbrauchen der Existenzbedingungen" ist ein wesentliches Element für Qualitätsänderungen (d.h. stärkere Beachtung der Wechselwirkungen zwischen "innen" und "außen", der Verflechtung der systemaren Einheiten in ihrer Ko-Evolution).
  • Grundlegende Qualitätsveränderungen geschehen sprunghaft, wobei für das neu Entstehende i.a. mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die entweder radiativ ausgefüllt werden oder aus denen sich eine/wenige herausselektieren.
  • Die Entscheidung über die Auswahl im Möglichkeitsfeld erfolgt in einem hohen Maße erst durch kleinste Bedingungsverschiebungen unmittelbar im Moment der Qualitätsänderung ("Schmetterlingseffekt").
  • Die Evolution folgt weniger einer Treppenform, als vielmehr einem Verzweigungsbaum.

Meine weiteren Untersuchungen widmeten sich den Entwicklungsprozessen in der Gesellschaft - allerdings hier weniger historisch-deskriptiv als vielmehr die aktuelle Lage und Zusammenhänge analysierend und das Möglichkeitsfeld und Handlungsmöglichkeiten ableitend.

Einige Unterschiede bei der Betrachtung von Entwicklungsprinzipien in der außermenschlichen Natur und der menschlichen Geschichte zeigt die folgende Gegenüberstellung:

Übersicht über allgemeine Evolutionsprinzipien und Besonderheiten der menschlichen Geschichte:

(Abbildung 3)

allgemeine Evolutionsprinzipien

und Besonderheiten der menschlichen Geschichte

1. Selbstreproduktion systemischer Bereiche

(Re-)Produktion (stofflich, kulturell...) als wesentlicher Bereich menschlichen Lebens

2. irreversible Veränderung innerer und äußerer Bedingungen
® Koevolution

unaufhebbares ökologisches Ungleichgewicht, aber auch als ständige Selbst-Veränderung des Menschen - der Mensch erzeugt seine Bedingungen selbst.

3. Bedingungsänderungen bis zum "Grenznutzen" - Maß

"Grenznutzen" der Produktionsweisen

- obwohl auch hier die "Reife" der Situation notwendig ist, kann der Zeitpunkt des Entwicklungssprungs bewußt beeinflußt werden (Möglichkeitsfeld dazu schaffen)

- Keime für späteres Neues vorhanden

Keime für verschiedene Optionen (!) können bewußt geschaffen werden (und werden auch unbewußt realisiert)

4. "Sprung" in neue Grundqualität (verschiedene Formen),
Selbst-Organisation (Neustrukturierung: Neuintegration neue herausdifferenzierter Komponenten/ Funktionswechsel/ Erfindung neuartiger Interaktionen...)

Die Integration und Differenzierung kann hier bewußt gestaltet werden.

- altes Möglichkeitsfeld verschwindet, neues entsteht

  1. innerhalb eines Typs wesentlicher Zusammenhänge
  2. neue wesentliche Zusammenhänge für diesen Wirklichkeitsbereich

Freiheit erfordert nicht nur die Auswahl aus vorhandenen Möglichkeiten, sondern die Möglichkeit des Schaffens neuer Möglichkeiten

(Handlungsfähigkeit als positive Bestimmung).

5. Neues entsteht eher in Nischen/Randbereichen und wird dann durch Rückkopplung verstärkt

Der Durchbruch höherer Qualitäten erfolgt meist nicht an den Stellen der vorherigen Höchstentwicklung (vgl. Bahro 1990a, S. 75,76,78).

Allgemeine Evolutionsprinzipien

und Besonderheiten der menschlichen Geschichte

- Neues nutzt Ressourcenüberschuß

- d.h. erschließt neue Ressourcen

- Kooperation ist für Komplexitätssteigerung wesentlich

- Prinzip der wachsenden Verflechtung

- Deshalb ist nicht das Einzelne Ansatzpunkt für Evolution, sondern "Population" , Individualität der Organismen ist aber wesentlich

Geschichte geschieht für Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaften

6. Spiralförmige "Negation der Negation"

"...das neue System, zu dem die moderne Gesellschaft tendiert; "wird eine Wiedergeburt (a revival) des archaischen Gesellschaftstypus in einer höheren Form (in a superior form) sein"." (Marx 1881, S. 386, zit. L.H.Morgan)

7. Evolution der Evolutionsprinzipien

Neue Qualität der menschlichen Geschichte durch:

  1. menschliche Tätigkeit als neue wesentliche (!) Wechselwirkungsform
  2. Informationsvermittlung und -speicherung als Form der Entropieminderung (vgl. Reichel 1984, S. 56)

"Wir müssen die Art und Weise, wie wir verändern, verändern." (Latour 1997, S. 15)

weitere Unterschiede:

Gleichzeitigkeit verschiedener Stufen (frühere Formen existieren fast unverändert weiter, wie z.B. Bakterien) existentiell notwendig

frühere Gesellschaftsformen (z.B. Urgesellschaft) nicht unbedingt notwendig zur parallelen Existenz der später entstandenen (abgesehen von Kolonialismus und weiterer Kapitalakkumalation aus diesen Bereichen) ; dafür Ungleichzeitigkeit kultureller Wechselwirkungen

"Baupläne" im genetischen Code

neue Form von Mobilität: Trennung von z.B. technischem Objekt selbst (vgl. Reichel 1984)

keine Artenkreuzung im Biotischen

kein Kombinationsverbot z.B. verschiedener Technologien (Reichel 1984)

3. Neue Fragestellungen für die und in der Dialektik

Der Überblick über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Entwicklung in Natur und Gesellschaft reicht noch nicht aus, um orientierende und handlungsanleitende Hinweise zu bekommen. Der einfache Vergleich, das einfache Verallgemeinern führt lediglich zu recht abstrakten Gedankenmustern. Wir erhalten keine wissenschaftliche Erkenntnis, wenn wir nicht das konkrete Wesen des jeweiligen Weltbereiches verstehen. Diese Art konkreter Allgemeinheit unterscheidet sich von der nur abstrakten:

viele Einzelne

Abstrakt Allgemeines

Konkret Allgemeines

 

(abstrakt) gemeinsame Eigenschaften aus einfachem Vergleich

(konkret-)inhaltliche Bestimmung der Wechselwirkungen im Gemeinsamen

 

 

Das abstrakt-Allgemeine subsumiert das Einzelne unter sich und löscht seine Qualitäten damit aus.

Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile; das "mehr", können Keime für neue selbst-organisierte Strukturen sein!

Abbildung 4: Abstrakt-Allgemeines und Konkret-Allgemeines (nach Schlemm, vgl. auch Warnke, Hegel.)

Seit Hegel und der Anwendung der Hegelschen Dialektik durch Marx und der Popularisierung durch Engels ("Grundgesetze der Dialektik") hat sich zwar das Wesen der herrschenden Gesellschaftsordnung nicht grundlegend geändert, aber es gibt vielfältige neue Impulse und Erfahrungen zu verarbeiten.

Anscheinend steht unsre menschliche Zivilisation in diesen Jahrzehnten vor einer grundlegenden Entscheidung zwischen den Alternativen Weiterbestehen und -entwicklung oder Ende dieses Entwicklungspfads. Der Jugoslawienkrieg markiert eine Verschiebung der weltpoltischen Lage in Richtung der von vielen Anti-Utopien bereits vorgeahnten Endzeitbarbarei. Die Akzeptanz der Bomben auf Jugoslawien mit der Begründung, "daß es doch keine andere Lösung gab", kennzeichnet das Ende des Versuchs, vernünftig und kreativ Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Hier stößt die Vernunft, die innerhalb der kapitalistischen ökonomischen, politischen und psychischen Grenzen verbleibt, tatsächlich endgültig an ihre irrationalen Grenzen. Wenigstens versucht sich die Menschlichkeit an einer Moral "für die armen Vertriebenen" festzuhalten - die jedoch aufgrund ihrer einseitigen Parteilichkeit selbst wieder zur Ursache für den Fortgang der irrationalen Logik des Kriegs wird. Ernst Bloch betonte öfters, daß der weltgeschichtliche Prozeß noch "nirgends gelungen, aber ebenso noch nirgends vereitelt" sei. Wir haben hier bereits einen Hinweis, daß die Hegelsche "List der Vernunft" als Fortschrittsgrundlage nicht immer trägt. Es kann sogar sein, daß dieser Krieg jene "undialektische Negation" darstellt, die der Menschheit den Weg in weitere Zukünfte endgültig abschneidet.

 

Abb. 5: Bifurkationen beim Qualitätsumschlag

 

Ich erinnere an das Prinzip der selbstorganisierten Evolution, nach dem an bestimmten Punkten des Qualitätsumbruches verschiedene vorher latente Möglichkeiten entstehen - deren Ausprägung und Realisierung bereits durch kleine Bedingungsänderungen wesentlich beeinflußt werden ("Schmetterlingseffekt").

 

Aus der Biologie wissen wir, daß trotz dialektischer Evolution (bzw. auf ihrem Weg) 99% aller jemals entstandenen biotischen Arten wieder ausgestorben sind. Im kosmischen Maßstab wird auch nicht jede intelligente Zivilisation ihre existentiellen Krisen überleben.

Die von mir im vorigen Jahr vorgestellten Überlegungen zu philosophisch durchdachten Zukunftsszenarien sind deshalb umso weniger eine Spielerei, sondern unabdingbar zur Bestärkung der gefährdeten Tendenz einer vernünftigen, emanzipatorischen und ökologischen Zukunftsgestaltung.

 

3.1 Systemhaftigkeit

Philosophisches Denken braucht eine gewisse Systematik, eine "Abrundung", einen zumindest relativen Abschluß, weil eine Ausbreitung des Immerselben ins Unendliche nach Hegel eine "schlechte Unendlichkeit" wäre. Trotzdem darf das System nicht statisch und tot werden. Gesucht ist also ein systematisches Denken, das Freiheit enthält und begründet.

Das philosophische Denken von F.J.W. Schelling bekam trotz seines Ausgangspunkt, die Freiheit zum A und O seines Denkens zu machen, eine Abgeschlossenheit. "Frei ist, was nur den Gesetzen seines eignen Wesens gemäß handelt und von nichts anderem weder in noch außer ihm bestimmt ist". Weil dieses Wesen selbst aber schon vor und außerhalb aller Zeiten festgelegt wurde, ist auch hier der einzelne Mensch nur recht beschränkt frei.

G.W.F. Hegel entwickelte ein System eines "Kreises von Kreisen", in dem alle Unterschiede und Widersprüche aufgehoben, d.h. überschritten und gleichzeitig aufbewahrt sind. Seine das System krönende absolute Idee ist konkret allgemein, nicht abstrakt. Die Widersprüche sind nicht zerflossen, sondern bleiben enthalten - allerdings innerhalb des Runds des abschließenden Kreises der Selbsterkenntnis des Geistes.

So sehr die Klassische Deutsche Philosophie ein Aufschrei gegen das Festgelegtwerden als "Glied in der Kette der strengen Naturnotwendigkeit" war - in ihrem Versuch, im Denken alles zu umfassen, schloß sie letztlich doch alles Kontingente, Mannigfaltige systematisch aus und band es in "notwendig begründetes" Allgemeineres ein. Weder aus dem Subjektiven (wie noch Fichte dachte), noch aus einem Überschuß des Objektiven (wie eventuell aus der Idee Hegels folgen könnte) kann hier letztlich über dieses festgelegte "An sich" hinausgegangen werden.

Ernst Bloch betonte deshalb gegen Hegel die materialistische "Experiment-Beschaffenheit der Welt", die eine "systemhafte Offenheit" fordert.

"Das Totum, worin alles wirklich in Ordnung, das heißt nicht in Ordnung an sich, sondern in Ordnung der Freiheit wäre, kann derart nur als Experimentum gedacht werden." Das Totum ist bei Bloch nicht vorherbestimmt, sondern "steht noch aus" - als zu Erfüllendes.

Entwicklung findet nur durch widersprüchliche Selbstbewegung in bestimmten Weltbereichen statt (Ko-Evolution). Ein dialektischer Systembegriff erfordert, daß als Systeme jeweils die Weltbereiche definiert werden, in denen Selbstbewegung stattfindet. Sie sind dann als Totalität die sich bewegende Einheit von widersprüchlichen Momenten und ihre Gesetze erfassen die jeweils wesentlichen inneren Zusammenhänge. Da im Prozeß der Evolution Qualitätssprünge mit Wesensänderungen verbunden sein können, sind verschiedene Ebenen von Systemen zu beachten. Die gegenseitige Relativität der Systemebenen, aber auch ihre bestimmten und bedingenden Einwirkungen auf andere werden besonders wichtig im komplexen Bereich des Gesellschaftlichen.

  • Einerseits konstituieren die Handlungen von Individuen die überindividuellen Systeme - andererseits werden die Handlungen auch von den Eigengesetzlichkeiten der umfassenderen Totalitäten geprägt. Für eine adäquate Gesellschaftstheorie ist deshalb ein Subjektbegriff unverzichtbar, der "individuelle und überindividuelle Subjektivitäten zu erfassen gestattet".

 

3.2. Entwicklung

Bei Hegel sind verschiedene Grundtypen der Bewegung zu unterscheiden. In der Seinslogik gibt es jeweils das Übergehen in das Gegenteil. Diese Bewegungsform ist das grundlegende Denkmuster bei der Anwendung der Hegelschen Dialektik auf die objektive Realität. In der Wesenslogik reduziert sich die Bewegung auf das Scheinen in Anderes. Entwicklung gibt es bei Hegel erst in der Begriffslogik, wo die Aufeinanderfolge der Argumente nicht mehr so zwangsläufig bestimmt erscheint wie in der Seinslogik. In ihr wird jedoch "nur dasjenige gesetzt, was an sich schon vorhanden ist" (ebd.) und es wird "dem Inhalt nach nichts Neues gesetzt". Hegel betont, daß das Neue nicht "als Dasein, nur unbemerkbar, vorhanden" war, sondern nur "an sich".

Das Übergehen in der Seinslogik lebt davon, daß alles Endliche etwas Anderes außer sich hat. Seine Einseitigkeit und Beschränktheit wird dadurch aufgehoben, daß es eine Einheit mit dem Äußeren erzeugt, womit sein Hinausgehen ein "immanentes Herausgehen" wird.

"Alles, was irgend ist, das ist ein Konkretes, somit in sich selbst Unterschiedenes und Entgegengesetztes. Die Endlichkeit der Dinge besteht dann darin, daß ihr unmittelbares Dasein dem nicht entspricht, was sie an sich sind. So ist ... <ein Naturding> dahin strebend, sich als das zu setzen, was es an sich ist". Mit dieser Methode wird die "innere Selbstbewegung des Inhalts" verfolgt dem "Gang der Sache selbst" gefolgt.

Diese neu erzeugte Einheit ist schon "in einem Begriffe enthalten". Dadurch ist das Treibende des Fortgangs der Mangel, den das Endliche gegenüber seinem Begriff noch hat. Das entstehende Neue ist zwar nicht als Dasein bereits vorhanden gewesen, aber als bestimmtes "an sich" (im Begriff) - ohne Unbestimmheit oder Variantenalternativen. Das "Dasein an sich" bleibt konstant.

Bei Hegel reicht die Zukunft in die Gegenwart über das bestimmte Negative, das aus der Totalität negierend den Fortgang vorantreibt, herein. Erst bei Ernst Bloch ist dies Fortführende selbst unbestimmt und offen. Der objektive Weltprozeß ist selbst ein Experiment. Bloch stellt deshalb das "Noch-Nicht" ins Zentrum seiner Kategorienbildung.

In allen Reproduktionsprozessen führen selbst-veränderte Bedingungen dazu, daß die Möglichkeit (Ressourcen) für die bisherige Wirklichkeit kleiner wird, schließlich verschwindet. Der Wirklichkeitsbereich kommt in eine sog. "sensible Phase", wo er sensibel nach neuen Möglichkeiten "sucht", offen für sie ist. Blockaden schwächen sich ab, die früheren wesentlichen Zusammenhänge werden kraftlos, das Neue kann sich schlagartig durchsetzen. An dieser Stelle, beim "Sprung", werden die Veränderungen unumkehrbar und führen zu neuen Grundqualitäten, zu einem neuen Wesen, neue wesentliche Zusammenhänge (Gesetze) werden realisiert. Das frühere Möglichkeitsfeld verschwindet mit. Es entstehen neue Möglichkeitsfelder, neue Qualitäten und Wesenszüge entsprechend den neu entstandenen Umständen und Bedingungen.

Es ist sinnvoll zu unterscheiden zwischen Qualitätsänderungen innerhalb beibehaltender Wesenszüge (Wandel innerhalb des Systems) und verändertem Wesen (Wandel des Systems). Im Qualitätssprung 2. Ordnung im letzten Fall wird vorher Unwesentliches zu Wesentlichem.

 

3.3. Möglichkeit und Freiheit

Determinismus als "Theorie von der Bedingtheit und Bestimmtheit der Objekte und Prozesse im Gesamtzusammenhang mit anderen Objekten und Prozessen" steht nicht im Gegensatz zur Freiheit, sondern hält die Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit offen.

Die Hegelsche Philosophie sieht das nur Existierende, Daseiende als niedere Erscheinung an und sucht das vernünftig Wirkliche zu bestimmen. Hegel betrachtet es geradezu als Aufgabe des Erkennens, "das Zufällige zu überwinden", ohne es beseitigen zu wollen. Hegel kennt zwar eine reale Möglichkeit - diese ist von Bedingungen abhängig. "Was daher real möglich ist, das kann nicht mehr anders sein; unter diesen Bedingungen und Umständen kann nicht etwas anderes erfolgen". Die reale Möglichkeit vermittelt den Übergang zu einer jeweils neuen Wirklichkeit, die das eigene Innere der umittelbaren Wirklichkeit verbraucht. Die dabei verzehrte unmittelbare Wirklichkeit ist die Bedingung. Sie ist ein zufälliger, äußerer Umstand, der ohne Rücksicht auf die Sache existiert.

Hegel lehnt eine Möglichkeitsvielfalt ab: "Weiter geschieht es dann in praktischer Beziehung auch nicht selten, daß der üble Wille und die Trägheit sich hinter der Kategorie der Möglichkeit verstecken...".

In der Notwendigkeit zeigt sich, daß die Aneinandergebundenen "nur Momente eines Ganzen" sind - woraus sich nach Hegel konkrete Freiheit ableitet. Letztlich bleibt Freiheit die Übereinstimmung zwischen dem, was ist und dem was sein und geschehen soll.

Ein Versuch, die Zwangsläufigkeit im üblichen Kausalitätsverhältnis aufzubrechen, ist die Bestimmung von Kausalität als " eine elementare und konkrete Vermittlung des Zusammenhangs und nicht als notwendiges Hervorbringen einer bestimmten Wirkung durch eine bestimmte Ursache".

Ernst Bloch kritisiert die Hegelsche Möglichkeit als nur "kleine Vorstufe der Wirklichkeit, mit dem Wirklichen gleich verschwindend".

Bloch stellt die Möglichkeit als logisch zentrale Kategorie, als Offenheitskategorie in den Mittelpunkt. Das führt dazu, daß sein "Ganzes" eben nicht, wie oben für Hegel gezeigt, alles als Momente in sich enthält, sondern selbst erst im Prozeß entsteht und immer offen für neues Entstehen bleibt.

Auch Bloch verwendet den offeneren Begriff der Bedingungen, statt der Ursachen. Bedingungen bringen demnach ihre Wirkung nicht unumgehbar zustande. Ihr Vorhandensein schließt das Vorhandensein der von ihr bedingten Folge nicht unbedingt mit ein: Bedingung ist Wirkgrund des Zukünftigen in einem mehr oder weniger ausgemachten Schwebezustand. Im Bereich des Gesellschaftlichen hängen die Bedingungen zum großen Teil vom eingreifenden Subjekt ab.

Die Bedingungen sind es einerseits, die durch ihre Partialität das Offenhalten gewährleisten - andererseits jedoch ermöglicht gerade ihre Berücksichtigung im Handeln Einflußmöglichkeiten.

Bloch scheut sich nicht vor der Vielzahl von Möglichkeiten: "Es bleibt in menschlicher Geschichte wie in außermenschlicher Natur das Meer weiterer, offener Möglichkeiten, gerade als erst partiale Bedingtheit für Verwirklichung, offen in Tendenz und Latenz".

Diese Offenheit und Vagheit wird durch die Bestimmungslosigkeit des negierenden Nichtseienden und der Relationen (zwischen Existenz-Daß und Essenz-Was) verbürgt. "Diese Unbestimmtheit des Nicht splittet die Relation... Ihre Eindeutigkeit wird aufgehoben".

(Diese Unbestimmtheit ist selbst wieder zu relativeren, weil sie die Gefahr der Abstraktion in sich birgt, die bpw. Sartre bei den "faulen Marxisten" kritisiert. Das für bestimmte Ebenen Unbestimmte wird durchaus qualitativ bestimmt durch die Vermittlung zwischen verschiedenen Ebenen.)

Diese offene Kategorisierung entspricht der Eigenschaft der Materie, "nach Möglichkeit" zu existieren und "in Möglichkeit" zu sein. Ihre Daseinsformen müssen sich "nach den Möglichkeiten" richten, ihnen entsprechen, sind durch hinderliche Schranken begrenzt. Gleichzeitig tragen sie Möglichkeiten in sich, als "helfende materielle Bedingungen zum Hervortreten der Form". Dies entspricht der Hegelschen Ineinanderfolge von Wirklichkeit (mit Möglichkeit anderer Wirklichkeit) ... andere Wirklichkeit (mit Möglichkeit wieder anderer Wirklichkeit)... - aber real verzeitlicht, nicht ideell festgehalten.

Das Nach- und In-Möglichkeit-Seiende der Materie macht die Ansatzpunkte des Handelns deutlich. "Der subjektive Faktor ist hierbei die unabgeschlossene Potenz, die Dinge zu wenden, der objektive Faktor ist die unabgeschlossene Potentialität der Wendbarkeit, Veränderbarkeit der Welt im Rahmen ihrer Gesetze, ihrer unter neuen Bedingungen sich aber auch gesetzmäßig variierenden Gesetze". Die materielle Vermittlung sichert, daß auch "ein Offenes durchaus nicht beliebig" ist. "Auch das Kannsein ist gesetzlich". Das Mögliche ist deshalb nichts schlechthin Beliebiges, sondern mit der Wirklichkeit vermittelt. Die entstehende Variablität ist keine "äußerliche sondern gesetzmäßig-sachhaft vermittelte Variabilität" und "geordnete Entwicklungsfülle der offenen Welt".

Hegelsche "Möglichkeit"

Blochsche "Möglichkeit"

Bestimmtes Negierendes bringt Prozeß voran (Hegel, Phän., S. 62)

Unbestimmtes Negierendes bringt Prozeß voran (Bloch EM, S. 41)

Möglichkeit nur abstraktes Moment der Wirklichkeit

Materie "nach Möglichkeit" und "in Möglichkeit"

"Idealismus" (M nur abstrakt, als reale wird sie zur Notwendigkeit)

M als Eigenschaft der Materie

Reale Möglichkeit = Notwendigkeit: "weil die Umstände so sind", Bedingungen sind immer gerade vollständig;

ggs. Bindung als "Momente eines Ganzen"

Partiale Bedingtheit auch im Realen, Verzeitlichung der Verschachtelung: W (M(W)) ® W(M(W))...;

Das Ganze ist nie fertig ("offenes System")

"übler Wille und die Trägheit verstecken sich hinter der Kategorie der Möglichkeit"

"Meer von Möglichkeiten"

Aufgabe des Erkennens, "das Zufällige zu überwinden"

Experimentum Mundi!

Abbildung 6: Vergleich der Begriffe "Möglichkeit" bei Hegel und Bloch

 

Nach der neueren Evolutionstheorie existiert für jeden Wirklichkeitsbereich als Moment umfassenderer Bereiche ein Möglichkeitsfeld. Das Muster der Entwicklung ist deshalb nicht nur eine lineare Folge, nicht nur eine zweiwertige Alternative, sondern ein offener Raum, der u.U. durch Differenzierungen und Radiationen ausgefüllt wird und den Prozeß "aufsplittet", verzweigt. Jede der dabei wirkenden Möglichkeiten stellt eine Negation des Vorhandenen dar, sie bleiben aber so lange unbestimmt, bis sie in der Entwicklung eingeholt wird.

  • "Keine der gegebenen Alternativen ist von sich aus bestimmte Negation, wofern und solange sie nicht bewußt ergriffen wird". Auch der Verzicht auf bewußtes Handeln setzt ganz bestimmte Negationen, i.a. die am wenigsten gewünschten frei.
  • Zusätzlich besteht das spezifisch Menschliche darin, neue Möglichkeiten überhaupt erst zu schaffen, nicht nur innerhalb vorgegebener zu wählen.

Hier wird deutlich, daß es nicht ausreicht, die "Möglichkeit der Möglichkeiten" nachzuweisen und sie inhaltlich lediglich mit Zufälligkeiten zu füllen. Das Besondere, daß durch die menschliche Tat in das Allgemeine hineinkommt, ist mehr als nur Zufälliges. Deshalb lehnt es Sartre berechtigt ab, "das wirkliche Leben den undenkbaren Zufällen ... zu überlassen." Die Variantenvielfalt und das Offene ist bei Sartre durch die Vielfalt der Vermittlungsebenen gegeben.

Entwicklungsprozesse beinhalten unterschiedliche Phasen, in denen diese allgemeinen Zusammenhänge in unterschiedlicher Weise auftreten. In relativ stabilen Phasen der Evolution reproduziert sich das jeweilige System i.a. autopoietisch (entsprechend den gesetzmäßigen Zusammenhängen). Dabei verändern sich innere und äußere Bedingungen (sie werden "aufgebraucht") bis zu einem Punkt, an dem die bisherige Reproduktionsweise nicht mehr stattfinden kann. Eine "sensible Phase" für grundlegende qualitative Veränderungen ist erreicht und kleinste Fluktuationen in den Bedingungen ("Schmetterlingseffekt") können konkrete Auslöser und Auswahlfaktoren für qualitative Sprünge sein. Im neuen System entstehen neue Wesenszüge, Gesetzmäßigkeiten und Möglichkeitsfelder.

  • Dadurch liegt hinter dem Meer an Möglichkeiten im Vorhandenen noch einmal ein unermeßlicher Ozean von Möglichkeiten nach solchen Qualitätssprüngen. Handlungsstrategien müssen derzeit gerade jene Möglichkeiten in ihren Horizont aufnehmen, denn nur sie können gesellschaftliche Auswege aus der sich anbahnenden Barbarei der kapitalistischen Endzeit zeigen.

Obwohl die Entwicklung insgesamt in gesetzmäßigen Zusammenhängen stattfindet, sagt kein Gesetz den Weg voraus. Ein Gesetz kann immer nur bestimmte Kontingenzen mit Bedingungen verknüpfen. Außerdem ist nicht zu vergessen, daß vollständige Entwicklungssprünge (Integration mehrerer Systeme...) nicht durch wesentliche Zusammenhänge (Gesetze) eines Systems bedingt und bestimmt werden, sondern durch die Wechselwirkung mehrerer Systeme (Gesetze). Statistische Gesetze in diesem Sinne stehen also nicht lediglich für "Wiederholbarkeit" und Notwendigkeit, sondern geben lediglich für spezifische Systeme Tendenzen und Möglichkeitsfelder an.

Für die Gesellschaft stellen ihre Bedingungen deshalb keine Determinanten menschlichen Handelns dar, sondern sie spannen einen Möglichkeitsraum auf.

Die partielle Bedingtheit kennzeichnet die Offenheit des Prozesses gegenüber Zufälligem, das dadurch gekennzeichnet ist, daß es Bedeutung für die Sache hat, obwohl es ohne Rücksicht auf sie existiert. Diese Rolle des Zufälligen als Funktions- und Existenzbedingung selbstorganisierender Systeme wurde aus der Untersuchung von Evolutionsprozessen schon lange vermutet. Zufälle bringen damit eine Art "Überschuß an Umständen" in den Prozeß aus den Wechselwirkungen des Systems mit seiner Umwelt. In der menschlichen Geschichte ist hier die neue Qualität der bewußten Schaffung von Neuem zu beachten, die nicht lediglich zufälligen Variationen folgt.

Diese Rolle der Umwelt und der Vielfalt der Vermittlungen verschiedener allgemeiner Ebenen und zwischen Einzelnem, Besonderen und Allgemeinem wurde in der Dialektik bisher i.a. vernachlässigt, weil jeweils nur die Entwicklung einer Totalität betrachtet wurde. Das Hineinnehmen des Äußeren wurde gleich wieder in der umfassenderen Totalität aufgefangen (das Äußere wird Innen und umgekehrt). Evolution beduetet aber eine wechselseitige Veränderung von Umständen und Bedingungen in der Ko-Evolution verschiedener Einheiten.

 

  • Für gesellschaftspolitische Fragen ist es ganz wichtig darauf zu achten, daß nicht jeweils die Betrachtung einer Ebene als Totalität (z.B. der individuellen Subjekte oder der Gesamtgesellschaft bzw. das "Kapital in seiner Subjekteigenschaft") die Eigengesetzlichkeit und Möglichkeitsfelder der jeweils anderen Bereiche auszulöschen droht, sondern gerade die Beziehung zwischen relativen Totalitäten in den Blickpunkt geraten (Vermittlung individueller, gemeinschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Handlungsebenen unter Wahrung der relativen Totalität jeder einzelnen).

 

4. Was können wir wissen und tun?

Die neueren Erkenntnisse der unhintergehbaren Offenheit der Entwicklung begründen geradezu die Unfähigkeit von Theorie, Entwicklung zu prognostizieren, sondern sie verweisen auf die Praxis. "Die dialektische Theorie ist nicht widerlegt, aber sie kann kein Heilmittel bieten. Sie kann nicht positiv sein".

Trotzdem hat die objektive Tendenz einen "objektiven Fahrplan", der als begriffene Tendenz handlungsorientierend wirken kann. Mit einem solchen Fahrplan wird der die Nahziele auslassende anarchistische Putsch vermieden wie auch der das Fernziel verleugnende Reformismus.

  • "Das heißt, die Horizonte und deren anfeuernder Vorschein müssen in allen Nahzielen sichtbar sein, und das durchziehende, vorleuchtende, anziehende Endziel muß in die Theorie-Praxis sämtlicher Nahziele hineinwirken".

Eine Handlungsstrategie muß also die Analyse des "nach-Möglichkeit-Seienden" und das Gestaltenwollen des "in-Möglichkeit-Seienden" verbinden. "Ohne genaue Berücksichtigung des Bedingenden (kann) das erwartbar Neue der Zukunft nicht eintreten...".

Wie und an welcher Stelle wir das können, deutet Herbert Hörz an: Es geht um das aktive Einflußnehmen, das Schaffen von Bedingungen (die nicht unmöglich sein dürfen) für das Gewollte. Der Dichter Volker Braun beschreibt "die Schwierigkeiten des Eingreifens: es muß sich den Tatsachen beugen und sie zugleich ändern. Die Tatsachen deuten zwar Richtungen an, in die die Geschichte verlaufen kann, aber erst unser Handeln oder Zögern gibt den Ausschlag unter den Möglichkeiten und macht den wirklichen Verlauf."

  • Zusätzlich zur Veränderung der Bedingungen im relativ stabilen "Normalzustand" sollte man aber unbedingt auch auf die Möglichkeit wesentlicher Bedingungsänderungen in Qualitätssprüngen und den dabei auftretenden "Schmetterlingseffekt" setzen.

Welche neuen Wesenszüge entstehen, ist insofern "vorherbestimmt", als daß die Möglichkeit ihrer Existenz, ihre Bedingungen in den vorherigen Prozessen entstanden sein müssen. Aus der Sicht der Gegenwart (und den durch sie erzeugten Bedingungen) sind aber mehr zukünftige Zustände und Prozesse möglich, als schließlich in der Zukunft existieren. Die "Auswahl" (und Erzeugung neuer Varianten) erfolgt immer erst in den Momenten der "Verzweigung" - entsprechend den dann real existierenden Bedingungen, die sich u.U. erst kurz vorher oder dabei konstituieren. An solchen sensiblen Punkten kann dann schließlich der Hauch der Bewegung eines Schmetterlingsflügels entscheidende Einwirkungen auf die eingeschlagene Richtung der Entwicklung haben.

Für das Handeln der Menschen ergeben sich daraus strategische und taktische Überlegungen:

Nur das Möglichkeitsfeld entsteht entsprechend den "alten" Gesetzen. Es kann die Spannbreite vom Untergang der Zivilisation über langanhaltende Stagnation bis hin zu Revolutionen - und hier wiederum mit einer Spannbreite von düsterster Diktatur bis hin zu neuen ökologischen und humanen Lebensformen als Ergebnis - umfassen. Welche dieser möglichen Zukünfte realisiert wird, hängt ab

1.von den bis zur sensiblen Phase am Verzweigungspunkt erzeugten Bedingungen

und

2. von den Schmetterlingseffekten während der Verzweigung.

  • Aktive Zukunftsgestaltung kann also lang- und mittelfristig auf die jeweils gewünschten Bedingungen einwirken - und kurzfristig - im richtigen Moment - ihre Schmetterlingsmobilität aktivieren.

Letztlich hat übrigens Hegel doch Recht. Denn zur Wirklichkeit gehört in gewissem Sinne auch mein Anders-Wollen! "Der einzige Umstand, daß wir existieren, daß wir etwas anderes denken und wollen, als das, was existiert, ist für uns ein Grund zu hoffen". Auch die vom vorherrschenden Allgemeinen abweichenden Strömungen sind Besondere dieses Allgemeinen und bedeuten ein "in-Möglichkeit-Sein" (S.Weil).

Nur wenn wir erkennen, daß ohne unser Zutun, ohne unsere Aktivität, etwas zu verändern, keine Hoffnung mehr ist, sehen wir unsere absolute Verantwortung. "Hoffnung ist das schlimmste Hemmnis" meint Sartre berechtigt. Das steht nicht unbedingt gegen das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch. Auch Bloch erkennt, daß aus "militantem Pessimismus" der "militante Optimismus" folgt.

Für die konkrete Realisierung dieser Analyse der Bedingungen und des Einbringens des Wollens gibt es vielfältige Hinweise. In der Bedingungsanalyse ist z.B. die Abfolge der Argumentation in Richtung "konkret-sinnlich® abstrakt-allgemein® konkret-allgemein" hilfreich.

Abbildung 7: Bedingungsanalyse

 

  • Die aktive Einflußnahme auf die Bedingungsveränderung braucht natürlich das Wissen darum, welche Art Bedingungen für die jeweils gewünschte Zukunft zu bestärken und welche möglichst auszuschalten sind.

Gerade die Fortsetzung der naturgesetzlichen Logik der kapitalistischen Entwicklung ("Globalisierung", In-Wert-Setzung aller natürlichen Ressourcen ohne Reproduktionsmöglichkeit etc...) führt zum Ende der Menschheit. Innerhalb der derzeitig herrschenden Systemlogik gibt es tatsächlich keine anderen Lösungsmöglichkeiten mehr für den verworrenen Komplex globaler Probleme. Der Kapitalismus ist weder friedens- noch ökologiefähig, weder nachhaltig noch zukunftsfähig. Dies kennzeichnet den "militanten Pessimismus" der Gegenart.

Nur ein Herausspringen aus dieser Art Rationalität kann zu rettenden Ufern führen. Darauf noch zu hoffen angesichts der Brutalisierung der Weltpolitik ist vielleicht tatsächlich "militanter Optimismus".

Die Möglichkeit dafür (nicht die automatische Notwendigkeit) beruht darauf, daß jede Ware und jeder Mensch trotz der "ökonomischen Maske" etwas einzigartiges, qualitativ bestimmtes Besonderes ist. Wir sind nicht als Einzelne im Allgemeinen verlorengegangen, sondern wir können unsere Besonderheit bewahren, weil die Gesellschaft nichts abstrakt-Allgemeines außerhalb unserer konkreten Beziehungen ist, sondern unsere Wechselbeziehungen sie konkret realisieren.

Die Weiterführung der Wert-Vergesellschaftung erfordert u.a. neue qualitative menschliche Fähigkeiten und erzeugt (neben den destruktiven) auch neue produktive Kräfte (reale Überproduktion auf Grundlage hoher Produktivität, weltweite Kommunikationsmöglichkeiten, neue Produktionsmethoden... durch neue dezentrale Organisationsformen, in denen sich die "Globalisierung" nur durchsetzen kann). Diese Qualitäten haben die Potenz, neue Differenzierungen der Gesellschaftsstruktur und eine neue Integration dieser Potenzen zu neuen Vergesellschaftungsformen zu realisieren. Allerdings ergeben sich nur die Möglichkeiten dafür quasi naturgesetzlich - ob sie realisiert werden, hängt davon ab, ob jede/r Einzelne von uns sich von der herrschenden Irrationalität unterbuttern läßt, oder seine einzigartige Besonderheit entwickelt und in die Waagschale der Entwicklung gibt... Das mag nach "Subjektivismus" riechen. Aber in dem neuen Schritt der Entwicklung kommt es nicht mehr darauf an, neue anonyme Mächte oder persönliche Machthierarchien aufzubauen, die dann ganz "objektiv" auf alle Subjekte einwirken - sondern neue Beziehungsnetzwerke, in denen Menschen selbstbestimmt ihre Bindungen entsprechend ihren Bedürfnissen und Interessen eingehen und sich föderal-vernetzt organisieren.

 

Literatur:

Bloch, E., (SO) Subjekt - Objekt. Erläuterungen zu Hegel, Frankfurt/Main 1985
Bloch, E., (PH) Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt/Main 1985, S. 286
Bloch, E., (EM) Experimentum Mundi, Frage, Kategorien des Herausbringens, Praxis (EM), Frankfurt am Main 1985
Bothner, R., Wider die gängige Meinung, daß Bloch kein Dialektiker sei, in: U-Topoi. Ästhetik und politische Praxis bei Ernst Bloch, Hrsg.: Zimmermann, R.E., Koch, G., Mössingen-Thalheim 1996
Braun, V., Es genügt nicht die einzige Wahrheit
Cimutta, J., Die Dialektik von Zufall und Notwendigkeit im Evolutionsgeschehen, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 8/1969
Fichte, J.G., Die Bestimmung des Menschen, Leipzig, 1976
Hegel, G.W.F., (Enz.I), Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil. Die Wissenschaft der Logik, Frankfurt am Main 1986
Hegel, G.W.F., (WdL I), Wissenschaft der Logik I, Frankfurt am Main 1986
Hegel, G.W.F., (WdL II), Wissenschaft der Logik II, Frankfurt am Main 1986
Holzkamp, K., Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/Main, New York 1985
Hörz, H., Der dialektische Determinismus in Natur und Gesellschaft, Berlin (DDR) 1971
Hörz, H., Marxistische Philosophie und Naturwissenschaften, Berlin (DDR) 1976
Hörz, H., Wessel, K.-F., Philosophische Entwicklungstheorie, Berlin (DDR) 1983
Marcuse, H., Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. München 1998
Sartre, J.-P., Fragen der Methode, Reinbeck 1999
Schelling F.W.J. (1809): Über das Wesen der menschlichen Freiheit, Stuttgart, 1964
Schlemm, A., Daß nichts bleibt, wie es ist..., Band 1: Kosmos und Leben, Münster 1996
Schlemm, A., Daß nichts bleibt, wie es ist..., Band 2: Möglichkeiten menschlicher Zukünfte, Münster 1999
Schlemm, A., Selbstorganisation, Dialektik und wir, in: Naturwissenschaftliches Weltbild und Gesellschaftstheorie, in Texte zur Philosophie, Heft 5, der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Dresden 1998
Schlemm, A., Methodische Fragen, online unter http://www.thur.de/philo/as125.htm (1997)
Warnke, C., Die "abstrakte" Gesellschaft, Berlin 1974; und Warnke,C., in: Heidtmann, B., Richter, G., Schnauß, G., Warnke, C., Marxistische Gesellschaftsdialektik oder "Systemtheorie der Gesellschaft", Berlin 1977
Weil, S., Unterdrückung und Freiheit, Politische Schriften, München 1975

[Homepage] [Gliederung]



- Diese Seite ist Bestandteil von "Annettes Philosophenstübchen" 1999 - http://www.thur.de/philo/vortragdresden.htm -